Abnehmen & Kalorien • 03.02.2017 • Tina Muir

Die Waage: Deine beste Freundin oder dein schlimmster Feind?

Wir nutzen Technologie fast jede Minute unseres Tages. Ständig sind wir von Apparaten umgeben. Sie sagen uns, wie es um unsere Herzfrequenz bestellt ist, wie schnell wir gerade laufen oder wie es uns gerade geht. Meistens hilft uns Technologie dabei, unser Leben einfacher zu gestalten. Sie gibt uns die Sicherheit, dass wir das Richtige tun und unser wertvollstes Gut – unsere Zeit – sinnvoll einsetzen.

Es gibt allerdings ein Gerät, das uns geradezu in den Wahnsinn treiben kann, wenn wir das zulassen. Sie kann aus unserem Selbstvertrauen Konfetti machen und uns zu ungesunden Entscheidungen verleiten. Sie kann uns den ganzen Tag verderben, beeinflusst unser Verhalten und definiert – wenn wir nicht achtgeben – wer wir zu sein glauben.

Wovon spreche ich also? Richtig, von der Waage!

Junge Frau im Sportgewand sitzt auf einer Stiege und checkt ihr Smartphone.

Aber immer mehr Menschen wiegen zu viel. Sollten wir nicht sorgfältig auf unser Gewicht achten?
Wir hören ständig, dass immer mehr Menschen übergewichtig sind und dass Adipositas tödlich ist. Studien haben gezeigt, dass es für fettleibige Menschen schwieriger ist, einen guten Job zu finden, dass sie anders behandelt werden und sogar weniger verdienen.

Als Läufer sind wir der Waage gegenüber besonders empfindlich. Die Geschwindigkeit, mit der Profiläufer an uns vorbeiziehen, und das in den Medien forcierte Schönheitsideal senden uns eine deutliche Botschaft: Wer schnell sein will, muss in erster Linie einmal schlank sein. Kein Wunder also, dass wir süchtig nach unserer Waage geworden sind und uns unbedingt innerhalb eines bestimmten Rahmens von Zahlen bewegen wollen, den wir für gut befunden haben.

Als Läufer sind wir der Waage gegenüber besonders empfindlich. Klick um zu Tweeten

Aber das ist doch sicherlich nichts Schlechtes, oder? Wenn wir unser Gewicht niedrig halten, sind wir gesünder, bekommen einen besseren Job und laufen schneller. Was kann daran bloß falsch sein?

Junger Mann laeuft durch den Wald.

Die Waage entscheidet nicht, wer du bist
Die Waage schafft es, dein Selbstvertrauen zu zerstören und dich gefühlstechnisch in eine Abwärtsspirale zu schicken, aus der du scheinbar nicht mehr herauskommst. Und so nimmt alles seinen (ganz unspektakulären) Anfang: Dein großer Wettkampf steht in ein paar Monaten an und du möchtest auf dein Kampfgewicht hinunter. Du beginnst, hier und da ein paar Kalorien einzusparen und beobachtest ein paar Mal pro Woche deine Fortschritte.

Dann siehst du Ergebnisse und fühlst dich gut. Beim Laufen geht es dir besser und du wirst schneller. Es funktioniert also

Achte darauf, dass dein Gewicht nicht zur Obsession wird
So bekommt das Thema einen Fixplatz in deinem Kopf. Hast du dich eben noch nur ein paar Mal pro Woche auf die Waage gestellt, wird das nun zu einem täglichen Ritual. Du ziehst dich dabei auch vollständig aus, weil du schließlich ein möglichst genaues Ergebnis haben möchtest.

Und dann passiert etwas mit dir: Du bemerkst, dass du dich nicht nur jeden Tag wiegst, sondern dich immer gleich extrem fett fühlst, wenn die Waage ein bisschen mehr als am Vortag anzeigt. Es zählt plötzlich nicht mehr, dass du am Vorabend mit deinem Mann euren Jahrestag gefeiert habt. Oder dass du einen legendären Abend verbracht hast, an den du dich noch jahrelang erinnern wirst. Du klammerst auch aus, dass du heute Morgen einfach sehr viel Wasser getrunken hast, weil du so durstig warst.

Die Waage beginnt, deinen Tag zu bestimmen. Klick um zu Tweeten

Für dich geht es einzig und allein darum, dass die Zahl nach oben gegangen ist. Und das muss schließlich heißen, dass du zugenommen hast und dass du ab sofort besser darauf achten musst, was du isst. Du beginnst also, ganz sorgfältig auszuwählen, was du zu dir nimmst und was nicht. Und du freust dich, wenn die Zahl kleiner wird! Außerdem vermeidest du, auswärts zu essen, weil man dort so schnell die Kontrolle verliert und der Versuchung nicht standhält. Du wiegst dich nun sogar am Abend, um sicherzustellen, dass du kein übergroßes Abendessen zu dir genommen hast.

Die Waage beginnt so, deinen Tag zu bestimmen. Die Angst, dass du am Wettkampftag nicht das perfekte Gewicht haben könntest, ist fest in deinem Kopf verankert. Du reagierst gereizt, wenn dein Partner, deine Freunde oder Familie vorschlagen, früher zu essen, als du das für notwendig hältst. Du beginnst, Mahlzeiten auszulassen, um für die Momente vorzusorgen, an denen du zuviel isst. Nach einem langen Lauf im Sommer steigst du auf die Waage und freust dich, weil die angezeigte Zahl so niedrig ist. Das bestärkt dich einmal mehr in deinem Verhalten.

Junge Frau trinkt nach dem Training aus ihrer Wasserflasche.

Das geht alles viel zu weit
Ehe es du dir versiehst, nimmt dich deine Familie beiseite, um ein ernstes Wörtchen mit dir zu reden.

Wer sagt, dass eine Zahl auf der Waage dein Leben bestimmt? Dein Gewicht kann jeden Tag zwischen 2,5 und 5 kg schwanken, je nachdem wie viel du isst und wie viel du trinkst. Eine große Menge Suppe kann dir etwa durch ihren hohen Wasseranteil schnell ein paar Pfunde draufschlagen; zehn Löffel Erdnussbutter merkst du hingegen nicht auf der Waage. Wir wissen aber beide, was davon mehr Kalorien hat…

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Als Läufer gibt es nicht das eine perfekte Gewicht
Als professionelle Läuferin bin ich von anderen Profisportlern umgeben, deren Körper bis zur Perfektion getrimmt ist. Sie sind stark, sehnig und schlank. Ich tappte auch in die Falle, dass „schlanker“ mit „schneller“ gleichzusetzen ist und stellte mich auf die Waage, um mein Gewicht immer unter Kontrolle zu haben.

Alles, was ich oben beschrieben habe, habe ich so vor ein paar Jahren erlebt. Bis ich eines Tages feststellte, dass ich mich auf gefährlichem Terrain bewegte und dass es gar nicht mehr darum ging, schneller zu laufen, sondern nur mehr darum, wie schlank ich sein könnte.

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Mir fiel ein Stein vom Herzen
Zum Glück kam ich dann zu einem Punkt, an dem ich eines feststellte: Für meinen Körper ist es wichtiger, den richtigen Brennstoff zu bekommen, als optisch einem gewissen Ideal zu entsprechen. Also bat ich meinen Mann, die Waage zu verstecken. Eine Woche lang dachte ich darüber nach, sie überall im Haus zu suchen, weil ich unbedingt mein Gewicht wissen wollte. Aber dann merkte ich, dass ich so besser gelaunt war. Ich war glücklicher – mir fiel ein Stein vom Herzen. Es war eine echte Erleichterung.

Stattdessen begann ich auf meinen Körper zu hören und zu essen, was er für das Training brauchte. Ich hörte auf, mich kritisch im Spiegel zu betrachten. Ich schob die negativen Gedanken beiseite und machte Platz für eine positive Einstellung und meine Freude darüber, wie stark ich mich im Training fühlte.

Weg mit der Waage – meine beste Entscheidung
Nachdem ich mich von meiner Waage getrennt hatte, aß ich nur mehr intuitiv. Und dann schaffte ich es, meine persönliche Marathonbestzeit um vier Minuten zu unterbieten und lief nach 2:37:35 Stunden über die Ziellinie. So kam es, dass ich bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften für Großbritannien antreten durfte.

Es war mir egal wie „fett“ oder schlank ich war. Was zählte, war die Leistung und diese war umso besser, wenn ich das aß, was meinem Körper bei der Regeneration half und mich beim Training weiter brachte.

Solltest du deine Waage wegwerfen?
Bin ich also der Ansicht, dass niemand eine Waage besitzen sollte? Nein. Manche Menschen schaffen es, sich manchmal diese Zahlen anzusehen und ganz normal weiterzumachen, egal wie hoch diese nun genau sind.

Das Problem ist nur: Läufer sind üblicherweise Perfektionisten und Typ-A-Persönlichkeiten, die alles tun, um das Beste aus sich herauszuholen. Frei nach dem Motto: Wenn du ein bisschen schneller wirst, nachdem du etwas abgenommen hast, wirst du sicherlich noch schneller, wenn du noch mehr abnimmst, oder?

Das stimmt auch in gewisser Hinsicht. Wo jedoch genau die Grenze liegt, ist schwer zu sagen. Nach einer Weile wird dein Körper nicht mehr mitspielen und du setzt deine Gesundheit aufs Spiel. Du übertreibst es mit dem Training und riskierst einen lebenslangen gesundheitlichen Schaden durch Fehlernährung. Natürlich kann uns die Waage manchmal dabei helfen, fokussiert zu bleiben. Es ist aber schwierig, nicht süchtig nach den Zahlen zu werden, die sie dir zeigt.

Wenn du einer dieser seltenen Menschen bist, die diese Zahl von ihrem Selbstwertgefühl trennen können, dann behalte dir natürlich deine Waage und mach weiter wie bisher. Wenn du aber bemerkst, dass du Gewohnheiten wie die oben beschriebenen entwickelst: Vielleicht ist es an der Zeit, sich von ihr zu verabschieden, bevor es zu spät ist.

Vielleicht ist es an der Zeit, sich von der Waage zu verabschieden. Klick um zu Tweeten

Gleichermaßen denke ich, dass es für Läufer gut ist, bei manchen Trainingseinheiten die GPS-Geräte zuhause zu lassen. Ich glaube, es ist gesund, deinen Selbstwert nicht an eine bestimmte Zahl zu ketten, die du für dich festgelegt hast.

Unsere Familie und unsere Freunde werden uns gern haben, egal ob wir ein Kilo mehr oder weniger wiegen. Und wenn wir das Richtige essen, nehmen wir ohnehin nicht so viel zu, dass jemand tatsächlich einen Unterschied bemerkt.

Du musst dich selbst fragen: Was ist wichtiger, deinem Motor den richtigen Brennstoff zu liefern oder nach unerreichbarer Perfektion zu streben? Ich weiß genau, wofür ich mich entscheide!

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Tina Muir

Tina Muir ist Community Manager und Elite-Läuferin. Die Plattform vereint eine Community professioneller Trainer, die individuelle, dynamische Trainingspläne anbieten, um dich zu einem smarteren, fitteren und schnelleren Läufer zu machen. „Wir sind gleichgesinnte Läufer und Experten darin, deine Laufleistung zu verbessern", so Tina.
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