Steigt mit dem Körpergewicht das Verletzungsrisiko beim Laufen?

Bist du jemals einen Halbmarathon oder Marathon gelaufen (oder hast einen im Fernsehen mitverfolgt)? Es ist unglaublich, wie leicht alles aussieht, wenn die ersten Läufer – mit ihren schlanken, perfekt geformten Körpern – ins Ziel laufen. Wir sind allein vom Zusehen erschöpft, während sie das Unmögliche möglich machen und Dinge tun, von denen wir nicht mal träumen.

Das ist okay. Wir wiegen ja auch um einiges mehr als die Sportelite. Ziehen wir uns deshalb auch öfter Verletzungen zu?

Zwei korpulente Frauen laufen im Park.

Vielleicht hast du schon gehört, dass sich Läufer mit höherem Körpergewicht angeblich eher verletzen, weil Muskeln, Knochen, Bänder und Sehnen mit dem zusätzlichen Gewicht einer größeren Belastung ausgesetzt sind. Und zwar bei jedem Schritt. Klingt eigentlich logisch.

Aber stimmt es wirklich, dass das Verletzungsrisiko bei Läufern mit zunehmendem Körpergewicht steigt?
Studien kommen zu dem überraschenden Ergebnis, dass schwerere Läufer sogar ein geringeres Verletzungsrisiko tragen als leichtere Läufer.

Warum das so ist? Dafür müssen wir ein wenig ausholen: 2002 untersuchten Jack Taunton et al. von der University of British Columbia Verletzungen bei über 2.000 Läufern, die im Lauf der zweijährigen Studie in einem sportmedizinischen Zentrum behandelt worden waren. Die Autoren sammelten Daten, um herauszufinden, ob sich aufgrund bestimmter Faktoren das Auftreten und die Art der Verletzungen bei Läufern vorhersagen lässt. Dabei wurden Daten zu Größe, Gewicht, Alter, Trainingsverlauf sowie weitere relevante Informationen zu den Läufern untersucht.

Der einzige Zusammenhang zwischen Verletzungen und Gewicht, basierend auf dem Body-Mass-Index (BMI), war, dass Frauen mit einem BMI unter 21 ein höheres Risiko für Verletzungen durch Überbelastung aufwiesen. Der Hintergrund dazu ist, dass Frauen mit einem BMI unter 21 öfter an Amenorrhöe (Ausbleiben der Regelblutung) leiden und deshalb eine geringere Knochendichte aufweisen, was wiederum das Risiko für Knochenverletzungen erhöht.

2003 untersuchten Taunton et al. weitere 844 Hobbyläufer, die einen 13-wöchigen Trainingsplan für einen 10-km-Lauf absolvierten.

Auch bei der zweiten Studie wurden Daten zu denselben Variablen wie bei der Vorgängerstudie erhoben, um mögliche Zusammenhänge zwischen den Verletzungen der Läufer und ihren demografischen Daten herzustellen.
Die Autoren stellten ein zweites Mal fest, dass Läufer mit höherem Körpergewicht ein geringeres Verletzungsrisiko aufwiesen als ihre leichteren Kollegen. Männliche Läufer mit einem BMI über 26 verletzten sich seltener als jene mit einem BMI unter 26.

Zwei korpulente Frauen machen ein Workout im Park.

Andere Studien zeigten ähnliche Ergebnisse wie die von Taunton et al. – dass schwerere Läufer tatsächlich weniger verletzungsanfällig sind als leichtere. Allerdings gibt es auch einige Studien mit genau umgekehrten Resultaten.

1981 führten Marti et al. an der Universität Bern eine Studie an 4.000 männlichen Läufern durch, die an einem Straßenrennen über zehn Meilen teilnahmen. Nach einer Analyse stellten die Autoren fest, dass Männer mit einem BMI unter 19,5 bzw. über 27 ein weitaus größeres Verletzungsrisiko aufwiesen als jene Männer, deren BMI im gesunden Bereich lag.

Im Allgemeinen legen jedoch viele Studien nahe, dass das Verletzungsrisiko bei Läufern mit höherem Körpergewicht niedriger ist. Wie kann das sein, wenn der Druck auf den Körper aufgrund des höheren Gewichts größer ist?

Weitere wichtige Faktoren, die das Verletzungsrisiko beeinflussen
Nicht zu vernachlässigen ist die Tatsache, dass schwerere Läufer normalerweise kürzere Strecken laufen als ihre leichteren Kollegen. Damit wird auch die Belastung auf den Körper deutlich reduziert. Und mit der Zeit nehmen Läufer meist auch ab. Leichtere Läufer laufen oft längere Strecken oder trainieren vielleicht sogar für einen Marathon – so halten sie ihr niedrigeres Gewicht, erhöhen aber gleichzeitig ihr Verletzungsrisiko.

Ein weiterer Grund, der das Verletzungsrisiko senken könnte, ist das langsamere Tempo. Mit einer 10-kg-Hantel in der Hand bräuchten wir, aufgrund des zusätzlichen Gewichts, für einen 5-km-Lauf ebenfalls länger als ohne. Das Gewicht macht uns langsamer. Wenn wir langsamer laufen, belasten wir unsere Muskeln, Knochen, Bänder und Sehnen allerdings weniger, wodurch das Verletzungsrisiko sinkt.

Zu guter Letzt muss auch gesagt werden, dass sich der menschliche Körper gut an das jeweilige Körpergewicht anpasst. Schwerere Läufer gewöhnen sich daran, mit mehr Gewicht zu laufen. Ihr Körper verteilt die Belastung effizient auf den ganzen Körper. Leichtere Läufer(innen) haben dafür mit anderen gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen – ein unregelmäßiger Menstruationszyklus beispielsweise kann ebenfalls zu einem höheren Verletzungsrisiko beitragen.

Selbst wenn das Verletzungsrisiko bei schwereren Läufern gleich hoch oder sogar niedriger als bei leichteren Läufern ist, bleibt zu beachten, dass Läufer mit höherem Körpergewicht schneller überhitzen und mehr Kalorien verbrennen. Bei einem Wettkampf birgt das ein höheres Risiko, dass ihnen schneller die Kraft ausgeht. Vor allem bei einem Marathon.

Falls du also über die letzten Jahre ein paar Kilo zugelegt hast, läufst du vielleicht langsamer oder weniger als davor, aber immerhin ist dein Verletzungsrisiko nicht höher als damals!

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Tina Muir

Als ehemalige Elite-Läuferin weiß Tina, worauf man seinen Fokus im Training setzen sollte. „Ich bin Experten darin, die Laufleistung zu verbessern!" Alle Artikel von Tina Muir anzeigen »